Das Schauspielhaus – Ein Rückblick als Würdigung seiner künstlerischen Tradition

 

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Mit der entgültigen Schließung des Schauspielhauses verliert Wuppertal nicht bloß ein Gebäude sondern vor allem einen Fixpunkt kultureller Identität und geistiger Bewußtseinsbildung für die Stadtgesellschaft. Nachfolgend ein kurzer Rückblick als Würdigung seiner künstlerischen Tradition – das ist das Mindeste, was wir dem vom Abriß bedrohten Haus schuldig sind.

Ein kultureller Aufbruch in Zeiten künstlerischen Wagemuts

Das nach Entwürfen von Gerhard Graupner zwischen 1964 und 1966 erbaute Schauspielhaus entstand in einer Zeit, als die Theater immer öfter künstlerischen Wagemut zeigten und sich zu Orten gesellschaftlicher Diskussion entwickelten. Am kulturellen Aufbruch nahmen damals auch die Wuppertaler Bühnen unter Generalintendant Arno Wüstenhöfer lebhaften Anteil – besonders im Schauspiel und ab 1973, mit der Verpflichtung von Pina Bausch als Balettdirektorin, auch im Tanztheater. Seit 1980 war das Schauspielhaus neben dem Opernhaus regelmäßig Uraufführungsort neuer Choreografien, etwa “1980”, “Victor”, “Ahnen”, “Wiesenland”, oder “Vollmond”.

Dieser Geist der Offenheit für Neues fand sich schon in der Architektur des Schauspielhauses wieder. Der helle, dreifach gegliederte Baukörper setzte inmitten einer Industriebrache und im Umfeld funktionaler Nachkriegsarchitektur, maroder Altbauten und urbaner Verkehrsströme einen zeitgemäßen städtebaulichen Akzent. Im Innern schuf die Kombination aus lichten Foyers, japanischen Gärten und kühn konstruierten Treppenaufgängen eine Atmosphäre von Eleganz und Durchlässigkeit. Die arenaförmige Anlage des Zuschauerraumes war “demokratisch” inspiriert und verzichtete auf eine Hierarchie der Ränge, Logen und Ehrenplätze.

Zu Beginn hatte das Schauspielensemble  40 Mitglieder

Am 24. September wurde das Haus eröffnet – mit einem Skandal. Den Gästen präsentierte man zunächst einen unstrittigen Theaterklassiker: Lessings Toleranzdrama “Nathan der Weise” mit Karl-Georg Saebisch in der Titelrolle und dem debütierenden Matthias Habich als Tempelherrn. Beide gehörten dem aus 40 Mitgliedern bestehenden Schauspielensemble an.

Böll verteidigte die “Freiheit der Kunst”

Empörung und Unmut löste allerdings Heinrich Bölls legendäre Festrede  über die “Freiheit der Kunst” aus. Sie war eine scharfe Abrechnung mit Gesellschaft,  Staat und Kirche. Böll wünschte der Stadt ausdrücklich eine Bühne auf der “zu weit gegangen wird”. Mit Inszenierungen von “König Lear” (1971/72), Musteraufführungen der Dramen Else Lasker-Schülers (1966/1968), mit der Wiederentdeckung von Marieluise Fleißers “Fegefeuer in Ingolstadt” (1970/71) und westdeutschen Uraufführungen von DDR-Autoren wie Peter Hacks und Volker Braun formten Wüstenhöfer und sein Team Wuppertals Sprechtheater über 9 Spielzeiten zu einer der interessantesten deutschen Bühnen. Namhafte Regisseure, Bühnenbildner und Schauspieler arbeiteten am Haus und mehrten seinen guten Ruf: Luc Bondy, Claus Peymann, Hans Neuenfels, Peter Zadek, Helmuth Matiasek, Jürgen Flimm, Teo Otto, Herbert Wernicke, Erich Wonder, Ruth Drexel, Rosel Zech, Bernhard Minetti, Christian Quadflieg, Christian Riedl, Kurt Weinzierl.

Das Publikum kam in Strömen – Es war kritisch aber solidarisch

Das Publikum kam in Strömen, reagierte mit starker Anteilnahme, durchaus auch kritisch und befremdet, zeigte sich aber dem Theater stets mit lustvoller Neugier und in Solidarität verbunden. Auf Wüstenhöfer folgten ab 1975 die Intendanten Hanno Lunin, Helmuth Mathiasek und Jürgen Fabritius. Das Sprechtheater durchlebte in diesen Jahren künstlerisch eine kritische Phase, die von einer ersten ernsten Haushaltskrise, aber auch gewandelten Publikumsbedürfnissen geprägt war. Holk Freytags Generalintendanz (1988-2001) schärfte dann noch einmal das Profil des Hauses. Es war in dieser Zeit nicht selten Schauplatz politischer und kultureller Debatten und stand für ein engagiertes und humanes Theater.

Die Konfrontation mit der deutschen Geschichte durchzog wie ein roter Faden die Spielpläne. Das Programm knüpfte an Brecht und Schillers “moralische Anstalt” an, mischte sich oft – sehr zum Unwillen von Politikern und konservativen Theatergängern – politisch ein und reagierte auch kurzfristig auf aktuelle Ereignisse: auf den Mauerfall mit Heiner Müllers “Germania Tod in Berlin” und auf den Golfkrieg von 1990/91 mi einer 24-stündigen Lesung aus Bibel und Choran. Einige Inszenierungen bleiben unvergessen, und erregten auch überregional Aufmerksamkeit, zum Beispiel “Goethes  “Faust”, Peter Weiss´ “Ermittlung”, Schillers “Wallenstein” und Heiner Müllers “Hamletmaschine”. Unvergessen auch einige (erfahrene und noch junge) Ensemblemitglieder jener Jahre, darunter Dietmar Bär, Rena Liebenow, Siegfried Maschek, Josef Ostendorf, Ursula von Reibnitz und Friedericke Tiefenbacher.

Politischer Machtwechsel beendete Theaterfusion

Die 1996/97 angesichts katastrophaler Finanzen und eines dranatischen Besucherschwunds beschlossene Fusion mit dem Gelsenkirchener Musiktheater zum “Schillertherater NRW” erfüllte nicht die Erwartungen und wurde 200, nach einem politischen Machtwechsel, wider aufgelöst. Die seinerzeit fast auf Null herabgesunkene Theaterstimmung in Wuppertal bekam besonders das Schauspielhaus zu spüren. Mit einem Etat an der Schmerzgrenze und einem drastisch reduzierten, aber hoch engagierten und spielfreudigen Ensemble gelang es, das Publikum zurückzugewinnen und dem Schauspiel ein neues “Image” zu verschaffen. Schon damals engagierten sich die Theaterleitung unter Generalintendant Gerd Leo Kuck und die Wuppertaler “Bühnenfreunde” um Günther Völker für eine kleine Spiestätte für kleine, junge Produktionen. Nun wird sie zur Spielzeit 2014/2015 tatsächlich eröffnet. Ein Vergleich mit einem oder gar dem Schauspielhaus wäre töricht und wirklichkeitsfern.

Die Zukunft des Schauspiels hängt vom Willen der Politiker und der Zuschauer ab

Ob das Wuppertaler Sprechtheater eine Zukunft hat hängt von mehr ab als diesem Gebäude: natürlich vom Geld, von den Künstlern auch, aber ebenso vom Willen der Politiker und von all denen, die jetzt so heftig den Verlust des Schauspielhauses beklagen, aber das Theater – denn darum geht es schließlich – auch besuchen müssen. Erst recht in Krisenzeiten.

 

Das war ein Gastbeitrag des Wuppertaler Historikers Michael Okroy in der Westdeutschen Zeitung vom Samstag, 29.Juni 2013.

Michael Okroy, Jahrgang 1959, ist Literatur- und Sozialwissenschaftler sowie Experte für die Wuppertaler Stadtgeschichte. 2009 hat er ein Buch zur Geschichte des Wuppertaler Opernhauses veröffentlicht. Er ist verheiratet und lebt am Ostersbaum.