Die Wuppertaler Theatermisere – Eine Chronologie

 

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2000 Die neue Wuppertaler Ratsmehrheit aus CDU und FDP  beschließt die  Auflösung des Schillertheaters NRW, jener seit 1996 bestehenden Fusion des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier sowie dem Schindowski-Ballett und der Wuppertaler Bühnen mit Oper und Schauspiel und dem als eigenständige GmbH organisierten Tanztheater Pina Bausch, das bis dahin von beiden Städten zu gleichen Teilen finanziert wird.   

2001 Die Wuppertaler Bühnen GmbH wird neu gegründet. Von dem Wuppertaler Anteil am Betriebskostenzuschuss  am Schillertheater NRW müssen von nun an wieder 2 Sparten betrieben werden. Das Schauspielensemble wird von 30 auf 13 Mitglieder verkleinert. Der neue Generalintendant Gerd Leo Kuck protestiert zunächst, fügt sich dann aber in sein Schicksal. Die unter seinem Vorgänger Holk Freytag eingerichtete kleine Spielstätte im Schauspielhaus-Foyer wird von Kuck geschlossen. Er fordert aber gleichzeitig von der Stadt eine neue kleine Spielstätte, die er nicht genehmigt bekommt. Ab diesem Zeitpunkt ist der Zuschuss der Bühnen bei 11 Millionen gedeckelt (1,1% des damaligen städtischen Haushaltes). Die Tariferhöhungen werden von der Stadt nicht übernommen – im Gegensatz zum Tanztheater und zum Orchester. Dieser Zustand führt nach und nach zu einer unaufhaltsamen strukturellen Auszehrung der künstlerischen Etats.

2002  Die Wuppertaler Bühnen betreiben die beiden großen Häuser parallel. Während der ersten beiden Spielzeiten unter Kuck fällt die Platzauslastung im Schauspielhaus auf unter 45 Prozent, obwohl der Intendant und sein Schauspieldirektor Wilfried Harlandt auf populäre Klassiker und Unterhaltung setzen.

2003  Die im Prozess um den Düsseldorfer Flughafenbrand von 1998 gesprochenen Urteile gegen Verantwortliche der Genehmigungsbehörden und der Feuerwehr führen zu einer Verschärfung der Brandschutzvorschriften. Folge: Opernhaus und Schauspielhaus müssen geschlossen werden. Das Opernhaus wird nach notdürftigen Umbauten mit einem Notspielplan bespielt. Die Entscheidung, das Opernhaus als erstes zu sanieren, fällt in dieser Zeit. In der Spielzeitpause wird das Schauspielhaus für einen provisorischen Opernbetrieb hergerichtet. Bis Januar 2009 bespielen beide Sparten und das Tanztheater das damals bereits marode Schauspielhaus, während das Opernhaus in einer Minimalvariante saniert wird (“Sanierung im Bestand”). Um aufwendige Genehmigungen und teure Umbauten zu vermeiden, werden wichtige Entscheidungen nicht getroffen (schlechter Sitzkomfort, keine Klimaanlage, veraltete Bühnentechnik).

Der Plan sieht vor, anschließend das Schauspielhaus zu sanieren. Als Zeitraum für die Schauspielhaussanierung ist 2010-2012 vorgesehen.

2004-06  Das durch den 3-in-1-Betrieb überzählige Personal in der Bühnentechnik wird abgebaut. Die Bühnen sprechen betriebsbedingte Kündigungen aus. Das für den Betrieb beider Häuser nötige Personal ist damit bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr vorhanden.

Die Entscheidung, das Schauspielhaus nach der Schließung nicht mehr zu sanieren, muss demnach hinter den Kulissen schon gefallen sein.

Den Bühnen gehen 500.000 Euro an Zuschüssen verloren, die die Stadt in die Schulspeisung für bedürftige Kinder umlenkt. Intendant Kuck fällt es schwer, gegen diese Entscheidung zu protestieren. Hier werden einmal mehr Soziales und Kultur gegeneinander ausgespielt.

Den Bühnen wird von dem Unternehmer Mittelsten Scheid (Vorwerk) eine Schlüsselfertig gebaute kleine Spielstätte (Kosten 3,5 Mio €) am Kasinokreisel angeboten. Die Stadt lehnt mit Hinweis auf die Folgekosten ab. Tatsächlich setzt sich OB Jung von vornherein hinter den Kulissen persönlich dafür ein, dass das Geld nicht in eine Spielstätte, sondern in die neue Pinguinanlage im Zoo geht. Intendant Kuck protestiert – vergebens.

2007  Der Vertrag von Gerd Leo Kuck wird nicht verlängert. Kuck hatte sich bereits früher mit der Stadt in der Spielstättenfrage überworfen. Johannes Weigand steht als Opernintendant bereits fest. Im Dezember wird Christian von Treskow als Schauspielintendant ab 2009 ernannt. Bei der Pressekonferenz behauptet OB Jung weiterhin, dass das Schauspielhaus bis Sommer 2012 saniert werden soll.

2008 Die neuen Intendanten lassen weitgehende Machbarkeitsstudien für eine kleine Spielstätte im Barmer Kurbad und im Barmer Bahnhof anfertigen (geschätzte Umbaukosten rund 3,5 Mio € und 2,1 Mio €). Beide Vorhaben scheitern am Finanzierungsvorbehalt der Stadt.

Im Dezember 2008 wird das Schauspielhaus geschlossen. Die Bühnen ziehen im 3-in-1-Betrieb ins Opernhaus.

2009  Die Bühnen beschließen, das Foyer des Schauspielhauses bis zum Beginn der Sanierungsarbeiten wieder als Spielstätte zu nutzen. Der Ausbau des Provisoriums wird von den Theaterfreunden mit 100.000 € finanziert.

Im Herbst 2009 tritt von Treskow mit einer Ensemblestärke von 14 seinen Dienst an.

Der Beginn der Intendanz Weigand/Treskow wird von der Ankündigung der Stadt überschattet, 2 Millionen im Bühnenzuschuss kürzen (0,2 % des damaligen städtischen Haushaltes) und das Schauspielhaus aufgeben zu wollen. OB Jung denkt öffentlich laut und kann sich vorstellen, dass die Kürzung dazu führen könne, dass die Schauspielsparte geschlossen werden muss. Regierungspräsident Büssow (SPD) nennt diese Ankündigung der Stadt eine “mutige Entscheidung”. Es folgt ein Sturm der Entrüstung in der lokalen, regionalen, nationalen und sogar internationalen Presse. Was hängenbleibt, ist, dass das Wuppertaler Schauspiel bereits geschlossen ist. Für den Neustart des Ensembles eine schwere Hypothek, zumal das neue Team mit einem gewagten Spielplan antritt, der die Sehgewohnheiten des Publikums herausfordert.

2010  Zwei Protesttage (NRW-weites 24h-Theater (30.Januar) und bundesweiter Welttheatertag (27.März)) sorgen für eine beispiellose Soldarisierung und Mobilisierung von Theaterschaffenden und Publikum mit dem bedrohten Schauspiel.

Bei der Landtagswahl im Mai verliert die CDU von OB Jung alle 3 Wuppertaler Landtagsmandate. Ein Gutachten der Firma actori zeigt, dass die Umsetzung der Kürzungspläne verheerende Folgen hätten. Die Verantwortlichen halten hinter den Kulissen den politischen Druck auf OB und Kämmerer aufrecht. Folge: Im Herbst bekennt sich die Stadt 1 Jahr nach Bekanntgabe der Kürzungspläne öffentlich zum Spartenerhalt und kündigt Suche und Bau einer kleinen Spielstätte an. Die angedrohte Etatkürzung von 2 Mio.€ wird aber nicht zurückgenommen, so dass lange Zeit unklar ist, wie diese Zusagen finanziert werden sollen.

2011  Die Wuppertaler Bühnen erhalten aus dem NRW-Theaterpakt eine Zuschusserhöhung des Landes in Höhe von mindestens 250.000€. Das NRW Theatertreffen wird erstmalig in Wuppertal ausgerichtet. Das Schauspiel kämpft weiter gegen den Ruf seiner Schließung an. Währenddessen wird die Arbeit des Schauspielintendanten und seines Ensembles von OB Jung und CDU-Kulturdezernent Nocke konsequent schlechtgeredet.

2012 Der Rat der Stadt beschließt mit einer Verzögerung von mehr als zwei Jahren die angekündigten Maßnahmen: Aufgabe des Schauspielhauses und Zuschusskürzung um 2 Mio.€. Gleichzeitig garantiert die Sparkasse den jährlichen Rückfluss von 1,2 Millionen städtischer Gelder an die Bühnen über das Konto der Theaterfreunde über mindestens 10 Jahre. Die Pläne der Kooperation, die restlichen 0,8 Mio € aus einer Bettensteuer zu erbringen, werden im Rat in letzter Minute verworfen aufgrund  des Verzichts auf die Erhöhung anderer Abgaben. Gleichzeitig sollen bei einer geplanten Fusion mit dem Sinfonieorchester noch einmal 0,4 Mio € an “Synergien” erbracht werden. Diese Entscheidungen konfrontieren die Bühnen erneut mit einer Sparauflage von 1,2 Mio€ jährlich.

Trotzdem verbreitet die Stadt die gute Nachricht von der Rettung des Theaters.

In der Folge führen Berechnungen der Intendanten und der Geschäftsführung zu einer möglichen zukünftigen Ensemblestärke von 8 im Schauspiel und einem Spielplan mit 2 großen Produktionen im Opernhaus und 6 Produktionen in der neuen kleinen Spielstätte am Engelshaus, deren Ausbau die Theaterfreunde der Stadt aus privaten Spenden finanzieren wollen. Eine der Bedingungen dafür dürfte internen Quellen zufolge wohl die Nichtverlängerung des Schauspielintendanten gewesen sein, die dann im Sommer des Jahres erfolgte.

Die offizielle Begründung dafür ist ein Rückgang der Zuschauerzahlen im Schauspiel, den es aber faktisch im Kerngeschäft (ohne Familienstück und Musical) gar nicht gab. Auch unter Kuck/Harlandt lagen die Zuschauerzahlen dort bei ca. 20.000.

Gleichzeitig wird das Schaupielensemble noch einmal umgebildet. Im Herbst erhalten viele Mitarbeiter ebenfalls die Nichtverlängerung ihrer befristeten Verträge, darunter auch 2 SchauspielerInnen. 4 Ensemblemitglieder scheiden auf eigenen Wunsch aus. Alle 6 werden nicht ersetzt. Die Bühnen reagieren damit in einer ersten Stufe auf die beschlossenen Kürzungen. Das Schauspielensemble wird damit ab Sommer 2013 auf 8 SchauspielerInnen reduziert. Die zweite Stufe der Umsetzung der Kürzungen wird auf Sommer 2014 terminiert, dem Zeitpunkt des Beginns zweier neuer Intendanzen.

Seit Januar 2012 ist hinter den Kulissen bereits klar, dass der Vertrag von Johannes Weigand nicht verlängert werden soll und Kamioka als Nachfolger bereits feststeht.

2013  Der Rat der Stadt beschließt, dass die neu zu findende Intendanz im Schauspiel mindestens 75 Prozent Auslastung bringen muss und dabei wieder verstärkt auf die Wünsche der älteren Zuschauer eingehen muss. Als neue Intendantin wird die bisherige Chefdramaturgin des Wiener Volkstheaters, Susanne Abredderis (60), ernannt.

Im Sommer wird die provisorische Spielstätte im Schauspielhaus geschlossen, ohne dass die Stadt dem Schauspielensemble einen Ersatz zur Verfügung stellt. Ein Repertoirebetrieb mit zwei Spielstätten wäre aber mit dem dezimierten Ensemble auch nicht mehr möglich. Das Jubiläum des Tanztheaters führt zu einer Ausdünnung des Bühnen-Spielplans – Oper und Schauspiel müssen sich der Planung des Tanztheaters anpassen.

2014 Zum Dienstantritt der neuen Intendanten wird der Zuschuss um die vollen 2 Mio. € gekürzt. Er beträgt nunmehr 9 Mio. €, das sind lediglich 0.64% des derzeitigen städtischen Haushaltes für beide Sparten. Tanztheater und Sinfonieorchester bleiben von Kürzungen ausgenommen. Die Oper verzichtet ab Sommer ganz auf ein eigenes Ensemble, das Schauspiel auf große Produktionen im Opernhaus. Geplant ist, sich mit kleinen Produktionen in der neuen Spielstätte zu profilieren. Da der Rückzug aus dem Opernhaus freiwillig erfolgt, steht das Opernhaus ab dem Sommer über weite Zeiträume leer. Geplant sind jetzt lediglich eine Handvoll Produktionen in der kleinen Spielstätte inklusive des Familienstücks. Für das Schicksal des Schauspielhauses bedeutet der Rückzug des Schauspiels aus dem Opernhaus einen schweren Rückschlag, denn der Nachweis der Notwendigkeit einer zweiten großen Spielstätte neben dem Opernhaus ist schwer zu führen, wenn das Schauspiel freiwillig noch nicht einmal eine große Spielstätte bespielen will und das Haus stattdessen leerstehen oder mit einem Comedy-Programm füllen lässt.

Ausblick

Die Finanzierung der Bühnen ist auch nach Umsetzung der Sparmaßnahmen prekär.

Das Theater ist alles andere als gerettet. Jede Tariferhöhung, die von der Stadt nicht ausgeglichen wird, führt zu einer weiteren finanziellen Auszehrung der künstlerischen Etats, was bedeutet, dass die Spartenschließung nach spätestens 2 ver.di-Tarifrunden, also 2016, wieder aktuell wird, wenn zu den jetzt eingesparten 1,2 Mio € noch zusätzliche 0,5-0,6 Mio. an strukturbedingten (d.h. nicht-operativen) Verlusten hinzukommen. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass, wenn Wuppertal 2016 einen ausgeglichenen Haushalt bekommt, die zusätzlichen Landesmittel aus dem Theaterpakt wegfallen.

Wer jetzt die Abwicklung der Schauspielsparte als kulturpolitisches Ziel hat, braucht nur noch in aller Ruhe abzuwarten. In einem Hinterhof mit 9 Ensemblemitgliedern in selbstgewählter Bedeutungslosigkeit, per Ratsbeschluss künstlerisch geknebelt, ist der Untergang nur noch eine Frage der Zeit. Das Schauspiel ist als kleinste und schwächste der Sparten neben Oper, Orchester und Tanztheater als Opfer der nächsten Schließungsdebatte prädestiniert. Deshalb spielt es wohl bei den Plänen zum Tanzzentrum im Schauspielhaus auch keine Rolle mehr, weil davon ausgegangen wird, dass es zum Zeitpunkt der Fertigstellung des angedachten Umbaus (2022) in Wuppertal längst kein Schauspiel mehr gibt. Deshalb stehen Erhalt und Sicherung der Schauspielsparte an erster Stelle der kulturpolitischen Prioritätenliste. Damit verbunden ist die Entwicklung eines schlüssigen und finanzierbaren Gesamtkonzepts für die zukünftige Nutzung des Schauspielhauses durch die Wuppertaler Bühnen und das Tanzzentrum Pina Bausch.

Zur Rettung  und  Stärkung der Sprechtheaters sind (neben anderen Dingen) 3 Maßnahmen  unumgänglich:

1.) Die Umsetzung des ursprünglich geplanten Ausgleichs der Kürzungen um die zusätzlichen 0,8 Mio € , so dass die 2-Mio-Kürzung komplett ausgeglichen ist. Begründung ist die Aufstockung des Schauspielensembles auf  wieder 14 Personen, um einen Repertoirebetrieb in zwei Spielstätten aufrechterhalten zu können.

2.) Gewährung des Tarifausgleiches für die Bühnen in voller Höhe, d.h. Steigerung des Zuschusses um die Höhe der der Kosten der von den kommunalen Arbeitgebern mit Ver.di ausgehandelten Lohnsteigerungen – wie bei Tanztheater und Orchester.

3.) Ein Ratsbeschluss über die prozentuale Mindesthöhe des künstlerischen Etats des Schauspiels am Gesamtbudget der  Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester GmbH zum Schutz der NV-Solo-Beschäftigten.