über das Haus

Nach einem Entwurf von Gerhard Graubner erbaut und 1966 mit einer Rede von Heinrich Böll eröffnet. Feste Spielstätte der Wuppertaler Bühnen und Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Am 30. Juni 2013 wurde es trotz öffentlicher Proteste gelossen.

Hier die Rede des Wuppertaler Schauspielintendanten Christian von Treskow am Tage der letzten Aufführung von “Billion Dollar” vor der (hoffentlich nur kurzen) Schließung des Schauspielhauses auf youtube und darunter die komplette Rede als Text:

“Das allertraurigste Gewerbe”

von Christian von Treskow

Wuppertal, 30. Juni 2013

 

 

Liebes Publikum,

heute jährt sich zum vierten Mal der Tod von Pina Bausch.

Seit den 70er Jahren hat sie die Ästhetik mehrerer Generationen von Theatermachern geprägt. Wer in Wuppertal antritt, um Theater zu machen, ist diesem künstlerischen Geist verpflichtet.

Das Datum des Todes von Pina Bausch ist aber auch mit dem Schicksal dieses Hauses engstens verknüpft. Das Wort und der Wille Pinas hatte Gewicht in der Wuppertaler Kulturpolitik. Jahrelang hat sie ihre schützende Hand über dieses Gebäude gehalten – kein halbes Jahr nach ihrem Tod verkündet die Stadtspitze das endgültige Aus für die Spielstätte und die Schauspielsparte gleich noch dazu.

Das war, wie gesagt, vor dreieinhalb Jahren. Die Auseinandersetzung um die geplante Schließung und den Fortbestand des Schauspiels lenkte allerdings ab von dem Fakt, dass auf einer im Foyer des Hauses provisorisch eingerichteten Spielstätte keine zwei Monate zuvor ein neues Schauspielensemble seine Arbeit aufgenommen hatte, das mit dem Auftrag in die Stadt geholt worden war, das Theater ästhetisch rundzuerneuern und für die städtischen Bühnen ein jüngeres Publikum zu erschließen.

Nun musste das mit Schwung gestartete Ensemble plötzlich gegen die Riesenlast anspielen, mit jeder Premiere, mit jeder Vorstellung die eigene Daseinsberechtigung zu beweisen, die ihr von der Stadtspitze abgesprochen worden war.

Gleichzeitig kam dem Ensemble und der Intendanz in der Öffentlichkeit automatisch die Verantwortung zu, den Erhalt einer verwahrlosten städtischen Immobilie zu legitimieren – eine Aufgabe, der niemand auf dieser Bühne gerecht werden konnte.

In diesem Zusammenhang erscheint es wie ein kleines Theaterwunder, mit welcher Unbekümmertheit, mit welcher Energie es die Schauspieler, Sänger und Bühnenmitarbeiter geschafft haben, hier an dieser Stelle 40 Premieren herauszubringen und über 400 Vorstellungen zu spielen.

Leider wurde in der Stadt viel zu viel über Schließung und Verfall eines Hauses diskutiert, und viel zu wenig über die Theaterkunst, die darin so vital stattfand. Die Arbeit des Ensembles hier glich in vielem einem Tanz in den Ruinen einer großen Vergangenheit.
Das Schauspielhaus erschien vielen als ein mitten in der Stadt gestrandeter weißer Wal, unter dessen Bauch eine fahrende Schauspieltruppe ihre Zelte aufgeschlagen hat.

Viele Zuschauer scheuten den Gang in ein Haus, das für sie mit persönlichen Erinnerungen verbunden war, zu schmerzlich die Gedanken an den vermeintlichen Niedergang ihrer Stadt, der mit dem Zustand des Hauses assoziiert wurde.

Viel zu oft blieben hier im Saal viele Plätze leer, und erst in den letzten Monaten und Wochen hat das Ensemble hier auf dieser Bühne den Zuspruch bekommen, den es sich schon viel früher verdient hat.

Immer wieder wurde versucht, diesen Umstand damit zu erklären, dass die Theatersprache dieses Ensembles zu modern sei für ein ältliches Wuppertaler Publikum, dessen Geschmack auf leichte Kost und affirmatives Geplänkel ausgerichtet sei. Dem ist zu entgegnen, dass das Publikum in dieser Stadt, also Sie, viel intelligenter und neugieriger ist, als mancher uns das einreden möchte. Der enorme Zuspruch des Publikums in diesen Tagen beweist das.

Dieses Haus, genauso wie das Erbe Pina Bauschs, war und ist uns weiterhin eine Verpflichtung zu einem Theater, das Zeitgenossenschaft konsequent behauptet.

Ab morgen werden wir an diesem Haus als Bürger dieser Stadt vorbeigehen. Vielleicht werden wir traurig sein über den Verlust, vielleicht wütend, vielleicht aber auch ebenso gleichgültig wie die Mehrheit der Menschen, die täglich hier vorbeikommen.

Und vielleicht muss man den Gedanken einmal denken, dass das auch gut ist so. Theater ist Bewegung, und Bewegung bedeutet auch, von einem Ort zu anderen zu wechseln. Theater ohne Bewegung ist Stillstand, oder mit Max Reinhardt gesprochen, das “allertraurigste Gewerbe”.

Theaterleute sind es gewohnt, Arbeitsstätten zu wechseln, und regelmäßig ihre Arbeit an anderem Ort neu zu starten. Dieses Ensemble wird spätestens am Ende der nächsten Spielzeit die Stadt verlassen. Ein großer Teil wird auch schon in wenigen Wochen seine Zelte abbrechen. Für diese Schauspieler gibt es über den nächsten Sommer hinaus keine Perspektive in dieser Stadt. Die neue kleine Spielstätte werden andere Schauspieler, andere Regisseure einweihen.

Trotzdem freuen wir uns auf eine ganz besondere Spielzeit, in der wir uns treu bleiben und Ihnen an vielen interessanten Orten in der Stadt, natürlich auch im Opernhaus, spannende Arbeiten zeigen werden.

Zuletzt möchte ich Sie schon jetzt bitten, meine Nachfolgerin bei ihrem Neustart in der Spielstätte im Engelshof durch regelmäßigen Besuch zu unterstützen. Dieses schöne, neue Haus liegt mir persönlich am Herzen, weil ich gemeinsam mit den Theaterfreunden und vielen anderen lange darum gekämpft habe.

 

Der Wuppertaler Intendant Christian von Treskow hat diese Rede am Ende der letzten Vorstellung des Wuppertaler Schauspielhauses gehalten. Die große Bühne ist schon seit beinahe vier Jahren aus baupolizeilichen Gründen geschlossen. Mit Sondergenehmigung durfte nur noch im Foyer für etwa 130 Zuschauern gespielt werden. Am Sonntag, den 30. Juni 2013 nun ist die Geschichte des Schauspielhauses Wuppertal endgültig zuende gegangen. Zur Eröffnung des Hauses hatte am 14. Oktober 1966 der spätere Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll einst seine berühmte Wuppertaler Rede gehalten: Die  Kunst muß zu weit gehen.

 

Weiter mit der Geschichte und Geschichten über das Schauspielhaus Wuppertal.