Geschichten

R. Kellmann

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Zum Wuppertaler Schauspielhaus

Ich bin von Anfang an ziemlich stolz auf das Wuppertaler Schauspielhaus gewesen. Vielleicht lag es auch daran,  weil es das erste Schauspielhaus gewesen ist, das ich im jugendlichen Alter von ca. 14 Jahren kennen gelernt habe und das ich einfach „riesig“ fand. Aber es ist sicher auch noch etwas anderes. Ich verbinde immer noch mit ihm etwas sehr großzügig Einladendes und Offenes im Umfeld einer etwas gedrängten, engen Stadt. Ein Theaterbesuch war in diesem Rahmen etwas Besonderes. Die vielen Wandlungsmöglichkeiten, die durch seine Größe erlaubt wurden, brachten zusätzliche Spannung und Faszination. Als ich später in eine andere Stadt (Bochum) gezogen bin, habe ich am dortigen Schauspielhaus aufregende Theatererlebnisse sammeln können. Trotzdem blieb mir der eigene Charakter unseres Schauspielhauses gegenwärtig. Es ist der richtige Ort für das Wiederaufleben von Theaterkultur für ein breites und auch zukünftiges Theaterpublikum.

von Gabriele Hain

 

Holk Freytag: Erinnerung an das vielleicht schönste Theater der Nachkriegszeit

Holk Freytag, einst Wuppertaler Generalintendant, erinnert an die Glanzzeiten des Schauspielhauses – und damit an „das vielleicht schönste Theater der Nachkriegszeit“.

Wuppertal. Heinrich Böll, der 1966 mit einer bis heute wegweisenden Rede das Wuppertaler Schauspielhaus eröffnet hat, erklärte einst das Ensemble der romanischen Kirchen und eben nicht den Dom zum wahren Juwel Kölns. Und genau diese romanischen Kirchen waren es, die den Architekten Gerhard Graubner inspirierten, als er für Elberfeld ein Theater entwarf. Von außen ist es immerhin noch zu besichtigen und es lohnt den Moment des Verweilens.

Ein durch klare Linien beeindruckender Gebäudemantel verrät nicht, was den Besucher im Inneren erwartet, der Eingang ist ein Nadelöhr in das Lichtreich der Kunst – so, wie es die romanischen Kirchen vorgaben. Im Inneren ein Lichthof, der zwei Kulturen miteinander verband: Der heimische Lauf der Wupper war in die Flora eines japanischen Gartens eingebettet. Ein Wassergraben trennte das optische Gedankenspiel vom weitläufigen Begegnungsort.

Ein architektonisches Meisterwerk und Manifest der Demokratie

Alles war offen, hell und frei – wie die Kunst, für die jeder Quadratmeter dieser Architektur erdacht wurde. Großzügige, offene Treppen führten den Besucher in den Zuschauerraum – einem architektonischen Meisterwerk und einem Manifest der Demokratie. Keine Ränge, keine Logen. Wer diesen Raum betrat, war Bürger unter Bürgern. Die freie Sicht von allen Plätzen auf die Bühne war dem griechischen Theater nachempfunden.

Von der ersten Reihe an erhob sich der Zuschauerraum hoch über die Bühne, ließ den Schauspieler Diener sein für die Gemeinschaft, deren Stellvertreter die Zuschauer nun einmal sind. Er spielte zu seinem Publikum hinauf und wer auf die Bühne hinunterschaute, sah in seine eigenen Abgründe und Visionen. Er sah auf das Herz des Hauses, auf ein weiteres Meisterwerk. Perfekte, dem „goldenen Schnitt“ nachempfundene Proportionen forderten 40 Jahre lang die Bühnenbildner zur Bestform ihres Könnens heraus.

Heinrich Bölls berühmte Rede: Die Kunst muss zu weit gehen

Um das sanfte Rund der Bühne gruppiert waren die Räume all derer, die das Haus zum Leben erweckten: die Schauspieler, die Maskenbildner, die Techniker und nicht zuletzt die Pförtner und das Kantinenpersonal. An keinem Ort des Hauses konnte man vergessen, wo die Bühne war. Menschen, die hier arbeiteten, wussten, wofür sie es taten..

Das galt auch für die Räume von Dramaturgie und Intendanz. Auch den Entscheidern war immer bewusst, worüber und wofür sie entschieden, denn die Worte Heinrich Bölls, denen Gerhard Graubner das architektonische Gewand verliehen hatte, schienen das ganze Haus zu erfüllen: Keine Gesellschaft kann sich etwas darauf einbilden, der Kunst das zu geben, was sie von Natur ist – frei. Und Bölls berühmt gewordene Worte („Ich kann der Stadt Wuppertal nur wünschen, dass auf dieser Bühne zu weit gegangen werden wird“) waren Programm.

Vergangene Zeiten: Ideen waren wichtiger als Sparmaßnahmen

All dies scheint Geschichte – Erinnerung an eine Zeit, da Wuppertal noch mit Ideen und nicht mit dem Rotstift regiert wurde, in der das vielleicht schönste Theater der Nachkriegszeit gebaut wurde und dem großartigen Wuppertaler Theaterpublikum endlich eine ihm angemessene Heimstatt gegeben wurde.

 

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Zur Frage der Aufführbarkeit von klassischen Stücken

am Wuppertaler Schauspiel

William Shakespeare – To be, or not to be (from Hamlet 3/1)

To be, or not to be: that is the question:

Whether ’tis nobler in the mind to suffer

The slings and arrows of outrageous fortune,

Or to take arms against a sea of troubles,

And by opposing end them? To die: to sleep;…

 

Deutsche Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel (1767–1845):

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen –…

 

Tja, meine Damen und Herren,-können wir das klassische Drama, die Shakespeare-Tragödie

„Hamlet, Prinz von Dänemark“ in Wuppertal überhaupt noch aufführen?

7 Schauspieler sollen in Zukunft am Wuppertaler Schauspiel  reichen.

In diesem Stück   lässt Shakespeare  mindestens 10 Schauspieler auftreten.

Hamlet ist Examensstoff für angehende Englischlehrer und wird immer wieder

mal in Englischleistungskursen behandelt.

 

Wie sieht ‘s aus mit Stücken der Moderne, etwa der Vorführ-Wuppertalerin

Else Lasker-Schüler?

Das Stück „Ich und ich“   4 Rollen – aus der Bibel: Saul, David, Salomo und der Heidengott Baal;

 3 Gestalten aus Goethes “Faust”: der Titelheld, Mephisto und Marthe Schwerdtlein

8 Gestalten  aus der Zeit  des Dritten Reiches: Hitler, Göring, Goebbels, Heß, Schirach, Ley,

der Attentäter Grünspan und der Reichstags-Brandstifter van der Lubbe.

+ 2 Gestalten:Die  Dichterin Lasker-Schüler selbst tritt auf, begleitet vom Regisseur Max Reinhardt.

Insgesamt treten also 17 Handlungsträger auf:

Wie will die Stadt Wuppertal ihrer Hauptdichterin da Gerechtigkeit widerfahren lassen,

wenn sie nur über ein Ensemble von 7 Schauspielern verfügt?

 

Frage :

Was hat die Stadt Wuppertal gegen William Shakespeare und Else Lasker-Schüler?

Es ließen sich noch etliche Beispiele aufführen, um zu beweisen, wie  „unmöglich“

die „Wuppertaler Kulturpolitik“ sich gebärdet.

 

Ich meine, es geht hier tatsächlich auch um die Frage von „Sein oder Nichtsein“

einer Universitätsgroßstadt , die Wuppertal vorgibt, zu sein.

Ich bin 1974 hierhergezogen  auch und gerade wegen der kulturellen

Anziehungskraft der Stadt.

Ich habe hier keine Angehörigen.

Da ich in Hilden als Lehrer arbeitete, wäre es vielleicht vernünftiger gewesen, dort

zu wohnen.

Vor einigen Jahren freute ich mich auf die Pensionierung und  die Zeit „nach den Korrekturen“,

 endlich das Kulturangebot genießen zu können.

Zum Abschied schenkte mir die Fachschaft Französisch eine Eintrittskarte für die Wuppertaler Bühnen.

Wenn meine Frau in ein paar Jahren in Rente geht

, was hält uns dann noch hier?

Sollen wir  – als kinderloses Ehepaar –  im Zoo die offensichtlich gut ausgestatteten Pinguine

füttern?

Als gehbehinderter Mensch habe ich keine Lust, spätabends aus den Nachbarstädten – nach Kulturgenuss-

hierher nach Hause zu fahren.

Dann ziehe ich lieber in (die Nähe von )Städte (n)  , die mir größeren Kulturgenuss bieten.

 

Tja, Wuppertal, vertreibe Du nur deine Pensionäre und kulturbegeisterten Rentner.

Die könnten ja Herrn Stadtkämmerer Slawik noch ein bisschen Steuergeld in die Kasse

spülen.

 „Egal, datt interessiert keinen stuuuren Bergischen “.

von Kalli Heinemann

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Bazon Brocks Beitrag zum 47sten Geburtstag des Wuppertaler Schauspielhauses am 25. September 2013:

Ein Triptychon

Litanei für Wuppertaler.

“Nicht nur Auswärtigen muß man von Zeit zu Zeit erklären, wie in Wuppertal die historischen Fakten der jüngeren Stadtgeschichte zum Bild, zum Sinnbild zusammenschießen:
Elberfeld und Barmen, ganz eigenständige historische Größen, die erst seit 1927 in das synthetische Konstrukt Wuppertal hineingezwungen wurden;

das Urstromtal der industriellen Revolution in Deutschland
und das gemütergreifende flache Rinnsal der Wupper;

die gotteslästerliche Ausgrabung des Neandertalers westlich der Stadtgrenzen
durch den Elberfelder Gymnasialprofessor Fuhlrott
und die das Jahrhundert bestimmende Gründung der Farbchemie durch den
Elberfelder Färbermeister Bayer;

die frühkapitalistische Triebkraft des reformierten Protestantismus
und die Lage der arbeitenden Klassen in England, die Friedrich Engels hier
1845 schrieb.

Wie gehen Sektenbildung
und das Wuppertaler Modell der Massenwohlfahrt zusammen;
das hiesige Anarchistenpotential der Kaiserzeit, eins der stärksten
in Deutschland,
und der Elberfelder Nationalsozialismus der Herren Goebbels und Strasser;
Else Lasker-Schüler und Arno Breker;

der Elberfelder Enthaltsamkeitsverein
und die Lustauen des Elberfelder Mäzens von der Heydt;

die weltweite Einmaligkeit der Schwebebahn
und das ganz profan gigantische Betongeschlinge des Sonnborner Kreuzes
samt Stadtautobahn;

die hiesige Erfindung des Aspirins
und die Sorgen der heutigen Stadtregierung?

Wie und worin das zusammenschließt? In der Bergischen Universität –
und ich bin sicher, daß der damalige Wissenschaftsminister Rau die Universität schon als Sinnbild des scheinbar Unvereinbaren gegründet hat .

Aber wir verharren nicht in dieser Verbindung von Region und genius loci!
Ich zitiere dazu eine der mir wichtigsten Selbstfestlegungen:
Günter Eich hat mit einem Gedicht in den “abgelegenen Gehöften” von 1948 eine weiter ausgreifende Verbindung Wuppertals, die Vermittlung von Heimat und Weltgeist, folgendermaßen vorgeschlagen:

 

 Günter Eichs Gedicht “Aurora” (1948):

  Aurora, Morgenröthe.

Du lebst, oh Göttin, noch!
Der Schall der Weidenflöte
tönt aus dem Haldenloch.

Wenn sich das Herz entzündet,
belebt sich Klang und Schein,
Ruhr oder Wupper mündet
in die Ägäis ein.

Dir braust ins Ohr die Welle
vom ewgen Mittelmeer.
Du selber bist die Stelle
von aller Wiederkehr.

In Kürbis und in Rüben
wächst Rom und Attika,
Gruß dir, du Gruß von drüben,
wo einst die Welt geschah

 

Mein Aufruf:

  Wie sich die Regime gleichen: Walter Ulbricht riss in funktionärshafter Gesinnungsideologie 1961 das Berliner Schloss ab, die Politikbosse Wuppertals schaffen in Casino-kapitalistischer Spielerlaune das städtische Schauspielhaus ab. In Berlin wird Ulbricht nach 50 Jahren korrigiert, aber die Wuppertaler werden nicht solange warten, bis die bornierten Politfunktionäre in den von ihnen angerichteten Ruinen begraben worden sind. Bisher redeten sich die Herren des Systemzwangs, der Sachlogiken und des Primats der Wirtschaft darauf hinaus, dass sie mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten größere Bedeutung für das soziale Gefüge hätten als Künstler und Wissenschaftler. Das war und ist eine Anmaßung, denn spätestens seit der Finanzkrise 2008 weiß jeder, dass mit der angeblichen Vernunft des Marktes nur eine Ideologieblase von Allmachtswahnsinnigen kaschiert wird.

Jede noch so banale künstlerische Äußerung zeigt mehr Rationalität und Ethos als der börsengestützte Orakelkult der Wirtschaftssklaven in der Politik. Was Wuppertaler Größen von Künstlern halten, dokumentiert die Aussage des höchstrangigsten Politangepassten: “Das Werk von Ute Klophaus geht mir am Arsch vorbei!” Ute Klophaus war immerhin Von-der-Heydt-Preisträgerin; ihr Werk ist international bedeutsam und wird nach der Absage der Wuppertaler Kulturidioten vom Museum Hamburger Bahnhof in Berlin mit großem Einsatz tradiert.

Es gibt nicht mehr die geringste Begründung dafür, dass Wirtschaft und Politik zum Gemeinwohl mehr beitrügen als die Zeugnisse künstlerischer und wissenschaftlicher Autonomie. Im Grundgesetz Art. 5,3 wird die Freiheit von Künsten und Wissenschaften garantiert, nicht aber die von Wirtschaft und Politik.

Wir fordern auch von hochmögenden Oberbürgermeistern und ihren Afterrednern Respekt vor dem Grundgesetz.

Das Schauspielhaus zu schließen, ist ein Akt politideologischer Willkür, der man bisher nur “böse” Kommunisten vom Typ des Schlossabreißers Walter Ulbricht bezichtigte.

Gez. Bazon Brock, der immerhin seit 1965 den guten Namen Wuppertals fast so häufig in die Öffentlichkeit brachte wie die allen überlegene Pina Bausch

 

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Warum brauchen wir ein Schauspielhaus?

Ob „Urfaust“, „Carmen“ oder Pina Bauschs „Nelken“, alle drei Sparten der Wuppertaler Bühnen sind eine gewachsene Vielfalt des Theaters unserer Stadt.

Pina Bausch und ihr Tanztheater feierten im Schauspielhaus an der Kluse große Triumphe und bildeten so den Kulturexport der Stadt.

Über Jahrzehnte hatte dieses Haus einen überregionalen Ruf, das Schauspielhaus hat viel erlebt, große Karrieren begannen hier.

Ab 2009 wurde aus der Not eine Tugend und im Foyer des Schauspielhauses fanden Uraufführungen, experimentelles Theater, Musikreihen und Lesungen statt.

Diese Vielfalt muß genutzt werden!

Tanz- und Sprechtheater müssen im Schauspielhaus an der Kluse wieder ihre endgültige Heimat finden!

Erika Nippel   

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